Das Rauschen der Weißen Elster


Experimentelle Musik zwischen Berga und Wünschendorf
August bis November 2023

In 6 Veranstaltungen laden wir dazu ein, das spannende Phänomen »Rauschen« durch Musik, Tanz, Malerei, Natur und Gespräche kennen zu lernen. Durch Open Air Konzerte, über Workshops und mit musikalischen Wanderungen näheren wir uns dem Thema Rauschen auf vielfältige Weise an.

Das Rauschen am Elsterwehr
Open Air Konzerte und »Galerie unterm Apfelbaum«
5. August 2023

Am Samstag, den 5.8.2023 startete die Veranstaltungsreihe „Das Rauschen der Weißen Elster - Experimentelle Musik zwischen Berga und Wünschendorf“. Aufgrund der unsicheren Wetterlage wurden die Konzerte und die Ausstellung der ersten Veranstaltung in die Tanzbodenscheune der Clodramühle nahe Berga/Elster verlegt und fanden nicht wie vorgesehen direkt am Strand des Elsterwehrs und unter den Apfelbäumen der Clodramühle statt. So gesehen entsprach das zwar nicht den monatelang gehegten Vorstellungen und Wünschen der Planenden, entpuppte sich dann aber zu einer wunderschönen Begegnung vieler interessierter Menschen in lockerer Runde zu einem außergewöhnlichen kulturellen Ereignis in einer verwandelten Scheune.
Noch vor dem Eintreten entdeckte der aufmerksame Beobachter filigrane Skulpturen aus der ‚Patifaktur‘ von Maik Schaller, der die Spuren der Zeit auf den Oberflächen unterschiedlichster Gegenstände feinfühlig und liebevoll zum Vorschein bringt.

Das Innere der Scheune hatte sich zur Galerie geputzt. Abstrakte, großformatige Bilder zum Thema ‚Rauschen’ von David Hummel und Peer Salden hingen gleich einem Labyrinth an Fäden von der Decke, konnten größtenteils gut beleuchtet betrachtet werden und gaben zudem auch noch Geräusche von sich. Die Klanginstallation, die sich dahinter verbarg, stammte vom Weimarer Medienkünstler Nils Lauterbach. Seine Ideen dazu und die technische Vorgehensweise wurden zwischen den Konzerten im ehemaligen Heuboden ein Stockwerk über der Galerie erläutert. Des weiteren hatten die künstlerischen Leiter des Projekts versucht, das Thema Rauschen sowohl auf physikalisch-wissenschaftlicher als auch auf sozio-philosophischer Ebene mittels ausführlicher Erläuterungstexte, die im Eingangsbereich der Tanzbodenscheune aushingen, dem interessierten Publikum näherzubringen.
Auch bei den Konzerten trat die Technik durch die elektronische Erzeugung und Veränderung von Klängen und Geräuschen in den Vordergrund. Schon beim Eintreten in den ‚Konzertraum‘, der eher einem gemütlichen Wohnraum glich, war das aufgenommene und wieder eingespielte Rauschen des Elsterwehrs zu hören, welches die Konzerte so begleitete, wie das am Strand des Flusses der Fall gewesen wäre - mit dem Unterschied, dass es hier leiser gedreht werden konnte. Die Formation FIS aus Berlin brachte ein experimentelles Set zu Gehör, das Folksongs quasi aus dem Rauschen elektronischer Klänge treten ließ. 

Der erfahrene Plauener Jazzmusiker und versierte Elektronica-Nerd Jörg „PC“ Piesendel errichtete aus sogenanntem ‚weißen Rauschen‘ einen Klangteppich, auf dem er mit seinem Sopransaxophon solierte. Dass sein Instrument ohne technische Verstärkung oder Veränderung ertönte, war eher eine Ausnahme in der ansonsten stark elektronisch verfremdeten Musik des Nachmittags. Bei den ‚Botschaftern Zedunesiens‘ waren die natürlichen Klänge der Instrumente kaum noch wahrnehmbar. Der gebürtige Brasilianer Cássio Diniz Santiago hatte seine Impressionen der Weißen Elster, in deren Nähe er einige Zeit in Greiz lebte, in Musikstücken dramaturgisch geschickt verarbeitet. Diese Tracks entstanden vorab in seiner privaten Klangwerkstatt und wurden dem Publikum über die Musikanlage präsentiert.
Musizierende und Kunstschaffende waren allesamt sehr offen für Fragen der zahlreich erschienenen Gäste. Überhaupt - von jung bis alt traf sich hier ein auffallend gemischtes Publikum, das sich in angeregte Gespräche vertiefte und so kam schnell eine entspannte und herzliche Atmosphäre auf. Als Träger der Veranstaltungsreihe hielt der Bürgermeister der Stadt Berga/Elster, Herr Heinz-Peter Beyer, eine kurze Ansprache, in der er seine Freude über die kulturelle Bereicherung aussprach und angesichts der offenkundig sehr guten Stimmung den kommenden Events ebenso regen Zulauf wünschte. 

Das Rauschen in der Tanzbodenscheune
Freier Tanz und Intuitive Musik
11.–13. August 2023

Der Tanzworkshop markierte am 11. August den Start dieser Veranstaltung, die drei Tage währte. Acht Tanzende fanden sich mit der Dipl.-Tanzpädagogin Karen Schönemann auf dem ehemaligen Heuboden der Clodramühle ein, wo auch schon die erste Veranstaltung dieser Reihe stattgefunden hatte. Wie sich herausstellte, waren alle Tanzenden voller Vorfreude und zeigten großes Interesse, beim Tanzen Unbekanntes von der Workshopleiterin zu lernen und in der Gruppe miteinander zu interagieren. Die Vorstellungen über intuitive Musik jedoch reichten zu Beginn von Ahnungslosigkeit über Verunsicherung bis hin zu versteckter Ablehnung.
Schon am ersten Abend forderte Karen Schönemann die Tanzenden so sehr, dass am Samstagmorgen zum gemeinsamen Frühstück trefflich über einzelne schmerzende Muskelgruppen differenziert lamentiert wurde. Die außergewöhnlichen Bewegungen und körperlichen Beanspruchungen, die die Tanzpädagogin von den Tänzer:innen abverlangte, öffnete den Teilnehmenden letztlich aber eine Tür zu beeindruckender Bewegungsfreude und Ausdrucksvielfalt.
Zunächst verlief das Training ohne Musik. Diese kam am Samstagnachmittag hinzu. David Hummel und Peer Salden, die seit Jahren frei und intuitiv miteinander musizieren, ließen sich auf die Tanzenden ein und umgekehrt. 

Die vereinzelte Skepsis verflog sehr schnell und eine fesselnde Interaktion zwischen tanzenden Körpern und experimentellen Klängen und Geräuschen nahm den Raum ein. Nach etwa einer halben Stunde gegenseitiger Impulse und Zugewandtheit waren ausnahmslos alle fasziniert von der Vielfalt, der Stimmigkeit und der Tiefe des achtsamen Miteinander. Die Tänzer:innen waren überrascht - von sich selbst und von der Eindeutigkeit, mit der sie sich zum Tanz angeregt fühlten. Eine Journalistin der Ostthüringer Zeitung wohnte diesem Geschehen bei, welches ja lediglich die erste Probe darstellte. Ihre Begeisterung über die Authentizität und Verständlichkeit der gemeinsam gefundenen Sprache zwischen Musiker:innen und Tänzer:innen wiederholte sich am Sonntagabend zur Aufführung vor dem Publikum.
Vorab aber trafen am Sonntagvormittag die übrigen vier Musizierenden ein. Prof. Claudia Buder befand sich als Workshopleiterin für den Part der Intuitiven Musik in einer Gruppe von sechs Menschen, für die intuitives Spielen zu einem zumeist bereits bekannten und gern aufgesuchten musikalischen Bereich gehört. Dadurch fand das Ensemble – die Musiker waren zur Satzprobe zunächst unter sich – über die Aufgabenstellungen Claudia Buders umgehend zu einer Dichte und Einheit, in der formelle und spieltechnische Anregungen, musikphilosophische Impulse und das Verständnis des gemeinsamen musikalischen Ausdrucks zu einem authentischen Klangkörper zusammenwirkten. Mit Kontrabass, Geige, Bratsche, Gitarre, Akkordeon und Altklarinette verfügte dieser Klangkörper nicht zuletzt aufgrund der experimentellen Spielweise über eine enorme klangliche Vielfalt, dynamische Differenziertheit und emotionale Wucht.


Beim nun folgenden Aufeinandertreffen von Musik und Tanz war die Kommunikation von Anfang an unproblematisch, was sich unverändert abends zur Aufführung fortsetzte. Der gemeinsam eröffnete Raum ermöglichte freien Ausdruck der mannigfaltigen Impulse. Es schien, als habe sich eine kollektive Intuition durch die wohlwollende Aufmerksamkeit und hohe Konzentration gebildet, die sich wahlweise der Tanzenden und Musizierenden bemächtigte. Es wurden Geschichten hör- und sichtbar, die komplex und zugleich klar geradezu entblößt waren, sodass nicht nur die Erwartungen der künstlerischen Leiter übertroffen wurden. Die glücklich strahlenden Gesichter der Teilnehmenden und deren teils freudig entrückte Blicke sprachen für sich. Auch Menschen, die die Aufführung besuchten, formulierten ihre Faszination und Ergriffenheit eindringlich.
Bemerkenswert war die Reaktion einiger Menschen, die selbstbezeichnend als Skeptiker experimenteller Musik der Aufführung beigewohnt hatten. Sie zeigten sich überaus positiv überrascht, dass diese Art Musik in Ihnen etwas Emotionales auslöste, „und das noch gepaart mit freiem Tanz!“. Es waren Worte, die zugleich Erschütterung und Anerkennung ausdrückten, auch darüber, dass die komplex gesponnenen Themen und Strukturen so klar, nuanciert und facettenreich auf den Punkt gebracht wurden, ohne zuvor jegliche tänzerische oder musikalische Absprachen getroffen zu haben.
„Die entstandenen Bilder der Tänzer:innen…. ohne Choreographie? Die Einsätze der Musiker:innen, die Spannungsbögen, die Dynamik, die musikalische Schlüssigkeit….ohne Komposition, ohne jegliches Konzept oder vorherige Absprachen? Wie soll denn das gehen?“

Dass dies so gut funktionierte, hat uns alle natürlich sehr gefreut. Der Wunsch nach Wiederholung und Kontinuität entstand nicht nur innerhalb der Gruppe, sondern wurde auch von außen an uns herangetragen.
Die Videos zur Dokumentation wurden drei Wochen später bei einem Revisionstreffen gemeinsam begutachtet. Mit etwas zeitlichem Abstand zur Anfangs- und Auftrittseuphorie war schließlich Konsens, dass wir nicht nur eine intensive Ausdrucksmöglichkeit gefunden haben, sondern ein entwicklungswürdiges Betätigungsfeld und zukunftsfähiges Aufführungsformat, das, wenn nicht neu, so doch selten ist. Tanzenden, Musizierenden und dem Publikum eröffnet sich im Zusammenspiel von Freiem Tanz und Intuitiver Musik ein Zugang zu sowohl erweiterter äußerer Wahrnehmung als auch sich innerlich spiegelnden Prozessen, die gesellschaftliche Bedürfnisse und Notwendigkeiten wie vertiefte Kommunikation und menschliche Interaktion aufgreifen, behandeln und als Impulse weitergeben. 

Das Rauschen im Wald
Musikalische Wanderung im Elstertal
2. September 2023

Wie bereits in dem Titel unserer Veranstaltungsreihe “Das Rauschen der Weißen Elster - Experimentelle Musik zwischen Berga und Wünschendorf“ zu erkennen ist, griffen wir den bevorstehenden Zusammenschluss der beiden Gemeinden Berga/Elster und Wünschendorf/Elster auf und beabsichtigten, auch auf soziokultureller Ebene eine Verbindung durch gemeinsames Erleben herzustellen. Daher folgten die beiden Bürgermeister gerne unserer Einladung, zum Sammelpunkt der Wanderung zu erscheinen und ein paar freundliche einleitende Worte an die Wandernden zu richten. Dass am Folgetag der Karnevalsverein zufällig eine weitere Wanderung zum selben Thema, der Fusionierung, geplant hatte, unterstrich unseres Erachtens nur die Schlussfolgerichtigkeit solcher zusammenführender Aktionen. Während die Karnevalisten am 3.9. eine zielstrebige Wanderung zum „Mittelpunkt“ zwischen den beiden Gemeinden abhielten, wo dann symbolisch zwei Bänder verknüpft wurden, nahm unsere Wanderung am 2.9. Orte mit außergewöhnlicher Atmosphäre in den Fokus, an denen eingeladene Musiker*innen unterschiedlichste Musiken vortrugen.

Da unsere Veranstaltungsreihe sowohl in der regionalen als auch überregionalen Presse dankenswerterweise mit Interesse verfolgt und somit beworben wurde, fanden sich zahlreiche Wanderer von nah und fern ein. Von der Wünschendorfer Grundschule aus setzte sich die bunt gemischte Menschenmenge in Richtung Märchenwald in Bewegung. Es kam prompt zu dem erhofften zwischenmenschlichen Austausch. Auch wenn die meisten sich fremd waren, hatten doch alle gemein, sich für Außergewöhnliches zu interessieren, gerne zu wandern und Musik zu hören. So ins Kennenlernen vertieft, erreichte die Gruppe die erste „Bühne“: ein kleiner T-förmiger Steg über dem Wasser des Flusses Weiße Elster, auf dem vier Bläser choralhaft Harmonien erklingen ließen und damit den Startpunkt setzten, Musik in der Natur erklingen zu lassen. Ein Stück des Weges weiter dann, am nächsten Spielort unter alten Buchen gleich einer Kathedrale, durfte eher ganz vorsichtig gelauscht werden. 

Das Musizierendenkollektiv „OMG - Open Music Gera“ spielte intuitiv und öffnete mit leisen Tönen und zarten Geräuschen die Ohren und Wahrnehmung der Mitwandernden. Gemeinsam ging die Gruppe nun einen etwas steileren Weg hinauf zu einem zauberhaften Ort, einer moosbewachsenen Schiefergebirgsnase namens 'Teufelskanzel', wo eine Klanginstallation eines Klavierstücks von John Cage zu meditativer Verschnaufpause und Entspannung einlud. Nicht weit davon entfernt wartete bereits eine Stärkung mit Speis' und Trank auf die Menschen. Der 'Weiberstein' ist als Rastplatz gut geeignet und gehört, wie auch die 'Teufelskanzel', zu einer bronzezeitlichen Höhensiedlung.
Frisch gestärkt sang die A-cappella-Gruppe „Ackerpelle“ eine fröhliche finnische Polka, bevor weitergewandert wurde. Spontan stimmten vier Musizierende ein Lament am kleinen Friedhof von Großdraxdorf an und so, andächtig bewegt, gelangten alle dann zum malerischen Dorfteich, an dem ebenso spontan ein experimentelles, jazzig-quirliges Stück die Gemüter wieder aktivierte, um den Abstieg ins Elstertal zu unternehmen.

An einer Wegkreuzung fanden die ins Gespräch vertieften Grüppchen wieder zusammen, denn dort waren introvertierte Klänge eines scheuen Gitarristen aus dem Gebüsch zu vernehmen. Auf einem Hochsitz versteckt, versammelte er die Gesellschaft mit seinen geräuschhaften Klangflächen. Diese hallten wiederum weithin über eine offene, mit Blumen übersäte Wiese, die zum andächtigen Lauschen und Verweilen einlud. Ein paar hundert Meter weiter brachte ein Handpan-Spieler als letzter geplanter Act seine harmonisch achtsam gewebten Rhythmen als meditativen Ausklang zu Gehör. Die Wiese des dortigen 'Lochguts' lud zum Sonnenbad ein und wäre sicher schon ein würdiger Endpunkt der musikalischen Wanderung gewesen. Die Spiellust der Musizierenden führte jedoch noch zu einem unerwarteten musikalischen Abschlussgruß, als sich diese alle auf der Brücke über dem 'Fuchsbach' befanden und spontan ihrer Freude mit gemeinsamer Polyphonie Ausdruck gaben. Das bot den Veranstaltern die zuvor verpasste Gelegenheit, Dankes- und Grußworte in die Runde zu sprechen und die Veranstaltung so offiziell zu beenden.
Die Musiker*innen trafen sich hiernach in Wünschendorf zum gemeinsamen privaten Grillen und Reflektieren bei Christoph Beer, der als naturverbundener Kulturschaffender und Musiker den Ablauf dieser Veranstaltung gestaltete und dem wir an dieser Stelle noch einmal für die feinfühlige Zusammenstellung und Konzeption herzlich danken. 

Das Rauschen im Jugendclub
Malerei und improvisierte Musik
8.–9. September 2023 

Der Ort für unsere vierte Veranstaltung war der Jugendclub Berga/Elster, gelegen im Gewerbegebiet außerhalb des kleinen Städtchens. Nicht unbedingt gemütlich oder zwingend charmant, aber äußerst praktisch. Ein großer, heller Raum mit großflächigem Sofa, Billardtisch, Kicker und komplett gefliest. Das hebt nun auch nicht gerade das Wohlgefühl, war aber für das Vorhaben, dort an zwei Nachmittagen zu malen, geradezu ideal, weil leicht zu reinigen.
In der Vorbereitung wurden die Holztafeln der ersten Veranstaltung zu Staffeleien umgeschraubt sowie Malmaterialien und diverse künstlerische Utensilien organisiert. Dann stellte sich heraus, dass das Wetter wohl zuverlässig sonnig werden würde, sodass wir beschlossen, sowohl im Außenbereich zu malen als auch zu musizieren. Das erwies sich im Nachhinein als fantastisch. Am Tag zuvor konnte alles im Jugendclub verstaut werden, sodass wir relativ entspannt am Freitag Mittag mit dem Aufbau für die Aktion beginnen konnten.

Die Musiker:innen der Leipziger Combo GUMMER um Wilm Beckhoff und Iva Svoboda hatten ein beeindruckendes Set aus akustischen und elektronischen Instrumenten errichtet, mit dem sie an zwei Nachmittagen jeweils mehrere einstündige Sets spielten und damit die Malenden inspirierten. Für die Malerei standen 10 Staffeleien in Form großformatiger Holztafeln bereit, auf denen 70 x 100 cm große Papierbögen aufgezogen wurden. Acrylfarben, Pinsel und Spachtel warteten auf ihren Einsatz. Der kam dann 15 Uhr. Ein paar interessierte Menschen hatten sich bereits vorab angekündigt, einige kamen spontan hinzu. Zur freien Malerei leitete Peer Salden an, geübt durch über 10 Jahre Kunstkurse an verschiedenen pädagogischen Einrichtungen.
Auch die Mischung dieser Veranstaltung funktionierte wie erhofft von Anfang an. 

Die Verbindung von Musik und Malerei ist nicht nur uns als künstlerisch Leitenden vertraut und oft gern erprobt. Auch wenn die Musik intuitiv gespielt wurde, war die Inspiration der Malenden auf die Musizierenden deutlich geringer als bei der Tanzveranstaltung. Umso tiefer war im Umkehrschluss die Beeinflussung der Musik auf die Malenden, da die Hingabe beim Malen letztlich so fokussiert ist, dass das Hinhören einen gewichtigen Anteil einnehmen kann.
Dadurch gelang es in diesem Setting wiederholt, jungen Menschen einen Zugang zu experimenteller Musik zu bereiten. Einige der Malenden berichteten im Nachhinein sogar von Flow-artigen Zuständen beim Malen. Es entstand eine entspannte Atmosphäre, voller Freude auszuprobieren, ohne vorgefertigte Erwartungen an das Endprodukt zu haben – weder in der Malerei, noch in der Musik. Grenzen auszuweiten oder zu überschreiten, sich selbst zu überraschen, sich gegenseitig neue kreative Anreize zu liefern und sich darüber auszutauschen, war für alle eine große Bereicherung. So standen beispielsweise die Musiker:innen zwischenzeitlich vor den Bildern vertieft in die Ergründung der beiderseitigen Einflussnahme. Es entstanden sehr viele sehenswerte Bilder und hörenswerte musikalische Expressionen.
Was uns auffiel war, dass die eigentliche Zielgruppe – die Jugendlichen der Stadt Berga – leider unterrepräsentiert waren. Das Alter der malenden Teilnehmer:innen war sehr gemischt – von 6 bis 60 Jahren. Um die Jugend besser erreichen zu können, wäre daher für ein nächstes Mal beispielsweise direkt der Schulhof der Bergaer Grundschule als Aktionsort sinnvoll. 

Das Rauschen in der Kirche
Gesangsworkshop und Konzert
28.–29. Oktober 2023 

Am 28. und 29.10. haben wir die experimentelle Musik in die Kirche des kleinen Dorfes Tschirma bei Berga/Elster gebracht. Die herzliche, offene und einladende Pfarrerin der Tschirmaer Kirche Beate Stutter stellte uns für dieses Vorhaben nicht nur die Kirche, sondern dankenswerterweise auch den beheizbaren Gemeinderaum zur Verfügung, der sich direkt daneben befindet.

Als erfahrene Dozentin für Jazzgesang an der Universität Erfurt brachte Silke Gonska an zwei Workshoptagen die Teilnehmer*innen über vielfältige Übungen dazu, unübliche Klänge und Geräusche mit der eigenen Stimme zu erzeugen. Das außergewöhnliche Atmen, Bewegen und im weitesten Sinne Singen führte schnell zu einer positiven Gruppendynamik, die durch die Freude an der eigenen Ausdrucksfähigkeit viele Hemmungen überwinden ließ. Die Gruppe aus Laiensänger*innen fühlte sich rasch vertraut miteinander und war dadurch gefestigt, nach zwei Tagen intensiven Probens am Sonntagnachmittag die Ergebnisse dieses stimmlichen Ausflugs dem Publikum nebst der Kirchgemeinde zu präsentieren.
Das Experiment war an dieser Stelle: Können die vermeintlich oft festen, konservativen Strukturen und Konventionen im Kontext Kirche gelockert, erweitert und bereichert werden durch einen freien, intuitiven Gesang, der bewusst Grenzen überschreitet? Die Antwort ist in diesem Fall ein klares Ja. 

Begünstigend wirkte neben der offenen Haltung der Pfarrerin die angenehme Neugierde der musikalisch aktiven Kirchgemeinde - der Funke der Freude am Experimentieren konnte so während des Konzerts gut auf das Publikum überspringen. Wir durften sehen und hören, dass auch dieses Format eine gern angenommene Möglichkeit ist, die Hörgewohnheiten und den Musikbegriff der Menschen im ländlichen Raum zu erweitern.
Der wesentliche Durchbruch zum Erfolg in dieser Hinsicht war sicherlich die ansteckende Liebe zur Stimme und deren klanglicher Reichtum, die Silke Gonska als großes Geschenk mitbrachte und den Singenden hingebungsvoll und spielerisch vermittelte. Bei gemeinsamem Kaffee und Kuchen tauschten sich die Teilnehmenden schließlich nach dem Konzert eingehend über das soeben musikalisch Erlebte und über die beiden Probentage aus. Auch für die Pädagogin Silke Gonska waren es spannende Workshoptage und sie war positiv überrascht von der großen Freude der Laien am gemeinsamen gesanglichen Experimentieren. Besonders glücklich machte sie, dass die Singenden dann auch im Konzert keine Hemmungen zum Musizieren aufkommen ließen und ihre Stimmen frei zur Entfaltung brachten.

Das Rauschen im Jugendclub
Elektronische Musik
Workshops und Konzert
4. November 2023

Zur sechsten Veranstaltung haben wir zwei verschiedene Workshops zum Thema Elektronische Musik parallel angeboten. Zum einen konnten Interessierte von Marcel Buhlmann alias 'DJ Zeromusic' aus Greiz Tipps und Tricks zum Vinylplatten-Auflegen erfahren, zum anderen bot Alwin Weber an, in seinem Workshop selbst ein Modul zu löten.
Als Veranstaltungsort nutzten wir den Jugendclub Berga/Elster, der uns ja schon aus einer vorherigen Rauschen-Veranstaltung vertraut war. Am Vortag wurde umgeräumt, denn anders als bei der 'Action Painting/Impromusik'-Veranstaltung im September musste diesmal alles in den Innenräumen stattfinden. Der Billardtisch wurde mit einer großen Holztafel zum Arbeitsplatz fürs DJing umfunktioniert und die Couchliegeflächen platzsparend an den Rand gedrängt, um den Tischen Raum zu geben, an denen dann gelötet werden sollte. Die Technik inklusive der Musikanlage wurde auch schon vorab aufgebaut. Damit hatten nicht nur die Plattenaufleger*innen eine gute Anlage, mit der sie die Lötenden beschallen konnten, es stand auch für die Sets der beiden Künstler eine leistungsstarke PA zur Verfügung, mit der wir angemessen und ausgelassen den Abschluss der Veranstaltungsreihe feiern konnten. 

So vorbereitet konnten wir entspannt am nächsten Tag die beiden Workshopleiter empfangen.
Die beiden waren noch nicht ganz fertig mit ihren Vorbereitungen, da füllte sich der Club zusehends mit den Teilnehmenden. Nach ein paar Begrüßungsworten ging es dann nahtlos ins Löten über. Alwin gab einen kurzen Einblick in seinen Werdegang, was den Einsteigern die Sicherheit gab, von einem Profi angeleitet zu werden; für die versierteren Teilnehmer*innen war es eine Einladung, sich fachlich auszutauschen. Einer der Teilnehmer hatte sogar seinen selbst entwickelten, mit vier Oszillatoren, diversen Filtern und Shepard-Scale-Generator ausgestatteten Synthesizer mitgebracht. Zwei weitere Teilnehmer waren ebenso vom Fach und konnten Alwin Weber entlasten, indem sie den Laien bei Bedarf Hilfestellung gaben. Alwin hatte zahlreiche verschiedene Platinen vorbereitet, auf die unter Anleitung die jeweiligen elektronischen Bauteile gelötet wurden. Das war ein riesiger Spaß und es war phänomenal, in welcher Geschwindigkeit Alwin Weber die verschiedenen Module erklärte, die Vorgehensweise des Lötens nachvollziehbar vermittelte, bei Schwierigkeiten half, bei der Auswahl der Bauteile zur Seite stand und dazu noch Fachgespräche mit den Nerds führte. Fantastisch! 

Parallel dazu gab Marcel Buhlmann zu Beginn seines Workshops in einem sehr gut vorbereiteten und spannend aufgebauten Power-Point-Vortrag Einblicke in die Geschichte und Entwicklung des Vinylplatten-Auflegens. Die fachliche Kompetenz und die professionelle Vermittlung des Wissens waren so interessant und umfangreich gestaltet, dass sowohl Neulinge ins Reich der DJs mitgenommen und gebannt wurden, als auch anwesende junge DJs aus Leipzig gefesselt waren von dem tiefen Einblick in die Materie und den vielfältigen praktischen Tipps, die 'DJ Zeromusic' beim Schallplatten-Auflegen mit Freude und pädagogisch beeindruckender Geduld weitergab. Zunächst noch mit reichlich Respekt, zunehmend aber mit großer Begeisterung testeten die Teilnehmenden schließlich lang und ausgiebig ihre eigenen Fähigkeiten beim DJing.

Im Eifer der euphorischen Testläufe der selbstgelöteten Module kam es dann schließlich doch zu reichlich "akustischen Überlagerungen" mit dem gleichzeitig stattfindenden DJing-Workshop, die eine weitere Wissensvermittlung in beiden Workshops nicht mehr zuließen. So entschieden wir uns nach annähernd 3 Stunden, in den zweiten, nun konzertanten Teil der Veranstaltung überzugehen, in dem Alwin Weber mit seinen D.I.Y.- und Circuit bending-Modulen, Effektgeräten und Synthesizern ein anspruchsvolles, noisig-musikalisches Set begann, in das die elektrisierten Teilnehmer*innen des Lötworkshops die Klänge und Geräusche ihrer frisch gebauten Geräte sessionartig selbst mit einbrachten. Mit einem ausgedehnten DJ-Set von Marcel Buhlmann alias 'DJ Zeromusic', zu dem zeitweise die 'Botschafter Zedunesiens' spontan mitspielten, feierten wir den Abschluss dieser aufregenden und in weiten Teilen gelungenen Veranstaltungsreihe "Das Rauschen der Weißen Elster - Experimentelle Musik zwischen Berga und Wünschendorf". 

diese Veranstaltungsreihe wird gefördert durch

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RÜCKBLICK

DAS RAUSCHEN DER WEIßEN ELSTER


Das Rauschen Nr. 1

Konzert auf dem Tanzboden mit Galerie in der Scheune


Das Rauschen Nr. 2

Freier Tanz und Intuitive Musik


Das Rauschen Nr. 3

Musikalische Wanderung im Elstertal


Das Rauschen Nr. 4

freie Malerei mit improvisierter Musik im Jugendclub Berga